Das Weingut entführt mich in einen dieser besinnlichen Weinmomente. Um einen herum wird es still: Das Glas, der Wein, er dreht seine Runden darin, man verschmilzt zum Augenblick…
Jaja, Weingeschwafel! Trotzdem: Für mich einer der wirklich besten Spätburgunder der letzen Jahre! becker wallufer walkenberg rheingau

Wein des Monats Januar 2015

[dropcap1]D[/dropcap1]as Weingut J.B. Becker aus Walluf, seit 1971 mit dem Geisenheim – Absolventen Hans-Joseph Becker und Schwester Maria an der Spitze, ist ein Aushängeschild für knochentrockenen Rheingauriesling. Jener wird auch schon mal als legendär besungen. Die Weine haben Potential für Jahrzehnte, diese unter zehn Jahren zu öffnen ist fast schon Schändung oder der unter Weinschreibern oft bemühte Kindsmord.
Mit diesem Hintergrund ist es auch ganz normal, dass ein Wein bei Becker erst nach vielen Jahren Lagerung im Weingut in den Verkauf geht. Becker selbst sagt, „Ich mache Weine mit eigenwilligem Charakter!“, da passt es auch, gegen einen schnelllebigen Markt eindeutige Akzente zu setzen. becker wallufer walkenberg rheingau

 

Winzer des Jahres 2014

Der von der FAZ zum Winzer des Jahres 2014 gekürte Hans-Joseph Becker wird schon mal als altmodisch belächelt. Bullshit de Luxe! Wieder mal fallen Vorurteile nur bei näherer Betrachtung. Tradition muss kein altbackener Kitsch von gestern sein, auch ist nicht alles von gestern per se schlecht. Warum denn aber herumbasteln, wenn etwas offensichtlich gut ist?
Dennoch scheut man keine Innovationen. Der seit 1893 in Walluf ansässige Betrieb hat sich in 2003 jeglicher Korken entledigt und nutzt – außer für die Literware – einen Glasstopfen. Da sind andere Betriebe noch weit von entfernt. Der gern angebrachten Kritik, dass Glasstopfen doch mal schnell “wegfloppen” (übrigens noch nie erlebt!) entgegnet man bei Becker mit etwas Schrumpffolie über der Alukapsel… Passt!

Mittlerweile entdecken wohl eher jüngere Sommeliers das seit 2011 biologisch zertifiziert arbeitende Weingut für sich. In Berlin, wo auch diese Flasche gekauft wurde, steht Becker schon mal neben Markus Schneider aus der Pfalz. Ganz fair ist das nicht, Schneider kann da nach meinem Empfinden nicht mithalten. Die betriebliche Ausrichtung der beiden lässt einen Vergleich letztlich auch gar nicht zu; ist doch Schneider nach dem Zeitgeist ein moderner Betrieb.

Vielleicht strebt Becker nach oben, verdienst haben sie es schon lange. Ihr Bekanntheitsgrad liegt weitab von allseits klingenden Namen des Rheingau. Ob die Beckers aber „da oben“ überhaupt hin wollen?
Denn um Renommee und Expansion geht es dem Betrieb wohl eher nicht. Auf 13ha werden – wenn überhaupt – gerademal 60tsd Flaschen produziert. In ertragsschwachen Jahren auch deutlich weniger.

Irgendwie passt es dann auch zum gern mal verschmitzt dreinschauenden Hans-Joseph Becker sehr gut, dass gerade ein vermeintlich altmodischer Betrieb eine überaus innovative Technik im Keller zum Einsatz bringt. becker wallufer walkenberg rheingau

 

Tradition trifft Moderne

Das Druck Wechsel Verfahren, auch als methode carbonique bezeichnet, ist extrem schonend und seit den 1960er Jahren bekannt. Dennoch ist es kaum verbreitet, was an den hohen Anschaffungskosten für die speziell ausgelegten Tanks liegen wird. Bereits vorhandene, herkömmliche Stahltanks lassen sich aber umbauen.

Im Prinzip ein Drucktank. In diesem gärt die Maische und produziert CO2, wie bei anderen Gärungen auch. Der Druck steigt langsam an, die Zellen der Trauben passen sich diesem an. Bei einem definierten Druck über 4bar öffnet sich dann ein Ventil. Durch den plötzlichen Druckverlust kommt die Maische in Bewegung, der Tresterhut wird gebrochen und sehr schonend „umgerührt“.
Die Zellen der Trauben platzen dabei auf. So schnell können diese den Druck nicht regulieren und bekommen die „Taucherkrankheit“, sie extrahieren Gerb- und Farbstoffe, ohne das von außen auf sie mechanisch eingewirkt werden muss. Dieser Prozess wird bei Becker bist zu vier Wochen lang vollzogen.

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[dropcap1]I[/dropcap1]m Glas recht kräftiges rot mit rostigen Einschlag und hellen Rändern. In der Nase sehr betonte Kirschnote, etwas Wachholder und Brombeeren. Eindrücke von Pflaumen. Trotz der 10 Jahre ist etwas Luft unumgänglich; obwohl es eine Karaffe dann auch nicht sein muss. Zügig trinken, der obligatorische “wie-entwickelt-der-sich-denn-Schluck” nach zwei Tagen war nix mehr.

Dezent erdiger Eindruck, vielleicht auch Herbstlaub? Fünf Minuten später kommen einem Champignons in den Sinn…Will das bewusst so offen lassen. Am Gaumen sehr weich, Tannin feinstgeschliffen und für die eher gerbstoffarme Sorte Spätburgunder überzeugend quantitativ! 

Feine Säure die einen kurzen Augenblick benötigt, gepaart mit einem pikanten Eindruck, zeigt sich hier ein wahrer Diplomat seiner Gattung. Er gibt zu Protokoll, was große Weine sonst vielleicht lauter rausposaunen, Beckers Spätlese aber braucht dafür nicht viele Worte.

Natürlich ein gereifter Wein, aber sowas von jeder Firne entfernt; nochmal 10 Jahre? Sicher! Hätte mir zwei Flaschen besorgen sollen um das zu überprüfen. Als Essenspartner gefielen mir bodenständige, grobe Bratwürschtel mit Blaukraut.

Für mich so ziemlich einer der besten Lehrstücke bezüglich Spätburgunder aus deutschen Landen. Habe in den letzten Jahren selten besseren Wein getrunken! Eine vinophile Freude der Extraklasse, werde ich mir auf jeden Fall nochmal auf Vorrat besorgen. 

Die Flasche stammt aus der Weinhandlung Suff in Berlin, Oranienstraße. Kostenpunkt waren 20€, geschenkt!!! Wer noch mehr Becker Weine probieren möchte, findet hier relativ viel Auswahl, oder einfach mal anrufen. Weingut J. B. Becker, 65396 Walluf, Rheinstraße 6, Tel. (0 6123) 72523, Fax 75335

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