von Wein, Menschen und Kulturen – das erste Jahr mit enos

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Die papiergebundene Weinschreiberei kommt in Bewegung. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Neuerscheinungen: Schluck – das anstössige Weinmagazin und enos – von Wein, Menschen und Kulturen. Die bisherigen vier Augaben von enos sind vielversprechend

[dropcap1]D[/dropcap1]en Vergleich der beiden Neuerscheinungen sollte man gar nicht erst versuchen. Unterschiedlicher können und wollen diese nicht sein. Über Schluck machte ich mir kürzlich eigene Gedanken, Rainer Balcerowiak klagte zum Erscheinen des Heftes über „leichte Schluckbeschwerden“. Die restliche Bloggerwelt war weitestgehend entzückt.
Das Weinmagazin enos hat den Markt deutlich leiser als Schluck betreten. Deutlich weniger Rummel auf Facebook, dafür gab es ein kleines „hallo“ bei der Süddeutschen Zeitung mit dem Prädikat „Geist ohne Sülze“. Ist enos am Ende ein #bildungsprollweinblatt oder nähert sich die Zielgruppe dem Pensionsalter? So lautet zumindest das Verdikt von Felix Bodmann zu enos auf seinem Blog Schnutentunker.

enos weinmagazin

Ein bisschen anders will jeder sein

Enos ist sicher die Art von Weinmagazin, welches die Macher um den Altmeister der weinschreibenden Zunft, Eckhard Supp, und Johannes von Dohnanyi gerne gehabt hätten, aber auf dem Markt nicht fanden. Jahaa, der Satz ist abgedroschen! Entscheidend ist der Untertitel.
In einem Dreiklang soll es nicht nur um Wein, sondern auch um Menschen und Kulturen gehen. Mir gefällt die Umsetzung dieses Ansatzes sehr gut, zumal er auch ganz anders aussehen könnte. Mit enos hat ein Magazin die von vielen totgeweihte Bühne der Printmedien betreten, welches einen geistigen und sprachlichen Anspruch verkörpert ohne aber nur Phrasen zu dreschen und mit sich selbst zu spielen.

In der aktuellen Ausgabe der enos findet sich ein Interview mit dem Weingutsbesitzer Günther Jauch, dem, trotz anfänglichen Gegenwindes bezüglich seiner neuen Profession, mittlerweile nachgesagt wird, sogar das Wetter an der Saar zu verbessern. Mit solchem Quatsch räumt der Artikel natürlich auf und lässt dafür das Bild eines Menschen zurück, von dem wir glaubten ihn alle zu kennen. Günther Jauch findet den Kauf von Weingütern sexy…

 

Outtakes

A4 / Es geht um Trinkrituale bei denen im wahrsten Sinne des Wortes alles läuft. Ein großer Bericht aus dem Bordelais mit null lifestyle aber 100% Lebenskraft. Das Titelbild auf dem Cover dazu ist zwar schon 15 Jahre alt, aber wem ist das wirklich aufgefallen? Egal, es zählt der Moment, das, woran man sich erinnert!

A3 / Enos hat mich auch bewegt. In der Ausgabe 3 fand ich einen wunderbaren Artikel über den Weinbau im Kosovo, dessen Zukunft wohl aber alles andere als wunderbar ist. Also schon mal nix zum Einlagern und dann irgendwann mal stolz vorzeigen mit dem dezenten Hinweis, das man davon auch einen 3er BMW kaufen könnte. Eine meiner Lebenslinien führte mich vor Jahren unmittelbar in jene Region um Orahovac über die Danja Antonovich in ihrem Artikel schreibt. Abends hatte ich viele Bilder und Erinnerungen im Kopf, darauf folgte mein erster Leserbrief an eine Weinzeitschrift. Wer die aktuelle Ausgabe in der Hand hält, weiß Bescheid…

A4 / Thomas C. Golenia hat in Hamburg angeheuert und „wagt“ sich an das Thema spiritueller Landbau. Also Biodynamie. Nach seinem Text ist es unmöglich die bei diesem Thema weit verbreitete Schwarz-Weiß-Seherei weiter zu praktizieren. Golenia macht das sehr sachlich ohne Glaubensbekenntnisse oder Dogmen. Gut!

A1 / Das erste Regionenportrait kommt aus der Toskana. Es ist kein Weinregionenportrait, kein fahr-mal-hin-blabla. Fast schon analytisch zerlegt Gaither Stewart die Seele der Toskaner, verzichtet auf Bilder von grazilen Winzerfrauen und sonnendurchfluteten Zypressen- Landschaften. Über Wein erfährt man wenig, nicht mal eine Liste der die-musst-du-aber-haben-Weine gibt es. Dafür lernt man über die Toskana mehr, als in den hunderten Texten anderer Zeitschriften zuvor. Mutig!

 

Was wirklich anders ist

Enos arbeitet mit Autoren zusammen, die nicht ausschließlich aus der Weinschreiberei kommen. Wie beim Wein entscheidet der Inhalt. Es geht um Sichtweisen und Möglichkeiten, die oft erst nach dem Lesen klar sind. Die Qualität eines Magazines sollte nicht am Bekanntheitsgrad des jeweiligen Schreibers gemessen werden. Nichts ist langweiliger, als bestätigte Erwartungshaltungen bezüglich eines Namens.

Das lässt auch in puncto ständig widerholter Weingüter, Weinregionen und „Weinqualität“ auf einen Paradigmenwechsel hoffen. Jahrhundertwein? Wird es hier nicht geben. Auch keine Punkte. Enos verschränkt als Weinmagazin nicht nur einfach die Arme um anders zu sein, sondern stellt – um den Wein in den Mittelpunkt zu bringen – den Menschen und dessen Kulturleistung in den Vordergrund. Dabei will es „hochwertige Inhalte und Genuss beim Lesen und Betrachten der Bilder vermitteln“, wie die Redaktion zum Release verlauten lässt.

Das mag zuweilen unspektakulär sein und leise wirken. Empfinde das aber der Sache deutlich dienlicher, als so manches digitale Getümmel welches einen täglich (über)flutet. Und das sage ich vor allem als junger Schreiber, der erst vor wenigen Jahren über 2.0 zum Thema gefunden hat!

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Die Zeitschrift kann man hier abonnieren oder per Mail an enos@interabo.de ordern

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