Vor kurzem bat mich ein Online Shop in Facebook um einen „like“, heutzutage nichts ungewöhnliches. Anstatt aber blind zu liken, schaue ich mir den Shop natürlich an. Ein Bio-Weinshop. Die Seite ist wunderbar grün, im footer ist der branchenkonforme Spruch „die gesunde Alternative“ zu lesen, der Bio Stempel fehlt natürlich nicht. Immer die Frage im Hinterkopf, was hier jetzt wieder “vermarktet” wird surfe ich also ein bisschen durch das Angebot und finde auch veganen Wein…

(Zu diesem Text gibt es einen zweiten Teil…)

 

veganer Wein – was ist das eigentlich?
Stöber weiter durch das Angebot. Wie schon beim Biowein erzählt man mir, dieser sei „die gesunde Alternative“. Gebe in Google mal drei Suchbegriffe ein „veganer wein shop“ und erhalte 528.000 Treffer! Besagter Wein-Shop taucht auch wieder auf, daneben Weingüter, die veganen Wein verkaufen. Auch veganen Wein gibt es für wenige Euro.
Rechne ein bisschen herum, Produktionskosten, Ausstattung, Logistik;  dazu kommt natürlich extra Personal, welches nicht nur aus den Trauben, sondern von jeder Beere einzeln die Würmchen, Käferchen und was da sonst noch so kreucht und fleucht artgerecht verscheucht. Vegan, das ist doch das Verbot jeglicher Nutzung von Tieren und tierischen Produkten aus ethischen Gründen, oder?

Natürlich verscheucht niemand die Würmchen und Käferchen, die landen wie woanders auch im Tank. Auf telefonische Anfrage beim reinhessischen Weingut Neumer als Anbieter von veganem Wein wird mir diese Praxis bestätigt, aber auch versichert, dass dies für Veganer kein Problem wäre. Stöbert man durch aktuelle vegane Blogs nimmt tatsächlich niemand daran Anstoß.

Arne Ewerbeck von “The Vegetarian Diaries” stellte ich ebenfalls die Frage nach dem “Restrisiko” von Tieren auf den Trauben. Er hebt hervor, dass es den Veganern um eine grundsätzliche Idee geht, diese aber nicht weltfremd und praxisfern nur in irgendwelchen Kämmerchen existiert.
Viel mehr gehe es den Veganern darum, an statt der bewussten Zugabe von tierischen Produkten bei der Weinbereitung auf diese zu verzichten und alternative Stoffe zu wählen. Vegan zu leben ist die Überzeugung für ein Ziel, aber auch die Vernunft, dieses nur über einen Weg mit Abstrichen erreichen zu können. Ein weiterer Wegpunkt wäre für Ewerbeck die Volldeklaration der Inhaltsstoffe. Auch diese fordern Veganer um ihren Wein einwandfrei im Handel erkennen zu können.

Das rheinhessische Weingut Neumer (Mitglied bei ECOVIN) ließ sich im März 2013 von der „Vegan Society England“ nach eigener Aussage als erstes Weingut in Deutschland entsprechend zertifizieren und gab dazu diese Pressemitteilung heraus. Schaut man sich die Homepage des Siegelgebers an, findet man dort folgende Erklärung:

„A vegan is someone who tries to live without exploiting animals, for the benefit of animals, people and the planet. Vegans eat a plant-based diet, with nothing coming from animals – no meat, milk, eggs or honey, for example. A vegan lifestyle also avoids leather, wool, silk and other animal products for clothing or any other purpose.“

Vegan-Society-Product-Logo-_Green_-no-background
Vegan? – eine Frage der eigenen Definition!

Auch hier wird klar, dass es nicht um die hunderprozentige Umsetzung geht, sondern bisher nur ein Weg eingeschlagen wurde. Reinideologische Soinnerei ist das keine! Wie das aber kontrolliert werden soll, erfährt man leider nicht. Auch auf der Homepage des seit 22 Jahren ökologisch arbeitenden Weingutes Neumer wird klar gesagt, es geht bei veganem Wein in der Umsetzung allein um die Kellertechnik, speziell die Schönung des Weines. Diese darf nicht mit tierischen Produkten wie z.B. Hausenblase, Eiweiß, Speisegelatine, Kasein und Kaliumkaseinate erfolgen. Benutzt wird Bentonit: Das war´s, im Prinzip ist das dann der vegane Wein! Familie Neumer, selbst nicht vegan, aber fleischreduziert lebend sagt, ” „Das Töten von Tieren für verzichtbare Behandlungsmittel zur Erzeugung von Genuss- und Lebensmitteln ist für uns nicht vertretbar“ (AZ online, 11.06.13)

Vegan, der noch bessere Bio-Wein?
Mir stellt sich die Frage, da veganer Wein meist im unmittelbaren Umfeld von Bio-Weinen angeboten, von Konsumenten als der „noch bessere“ Bio-Wein wahrgenommen wird. Wenn also die vegane Weinerzeugung – entgegen dem Bio-Wein aber von keiner offiziellen Seite geregelt – nur im Keller auf tierische Produkte verzichten soll, könnten doch sehr viele Winzer in Deutschland so genannten veganen Wein verkaufen! Der Einsatz von Bentonit ist nun wirklich kein Novum der biologischen, biodynamischen oder gar veganen Weinbereitung, sondern weit verbreitet.

Auch gibt es keine Regelung, die dem Winzer z.B. verbietet, sämtliche Viecher vorher tot zu spritzen. Dann kann er sogar hinterher garantieren, dass keine Tiere im Most landen. Ich sag das nur, weil dem Menschen nun mal solche Sachen einfallen… Jeder Winzer könnte in Ermangelung von Gesetzten veganen Wein verkaufen. Zugegeben, ein überspitztes, pessimistisches Gedankenspiel! 
In der Regel kommt aber der so genannte vegane Weine von Weingütern, die bereits Bio-Wein nach der EU Verordnung erzeugen, oder gar von Ecovin, demeter usw. zertifizierten Betrieben. 

Fazit:
Veganer Wein ist mit nichten eine absolute Forderung seitens der Veganer, sondern ein Kompromiss zur späteren Erlangung eines jetzt schon definierten Ziels. Kann mir aber vorstellen, dass nicht jeder der wirklich vegan leben möchte, sich der eben beschriebenen Tatsachen bewusst ist; darüber kann ich mir ebenfalls vorstellen, dass so mancher Mitläufer – Konsument ähnlich dem Bio-Stempel-Effekt nur auf den Impuls „vegan“ wartet, um dann zu funktionieren und zu kaufen.
Veganer Wein – die Idee gefällt mir grundsätzlich immer mehr – benötigt noch immense Öffentlichkeitsarbeit um auch bei Winzern und Händlern ernst genommen zu werden. Fragt man diese, winken die nämlich reihenweise ab, vor wenigen Tagen tat ich das übrigens auch noch!

Stelle fest, dass hundertprozentig veganer Wein mit garantiertem Ausschluss von Tieren oder tierischen Produkten wegen der bloßen Beschränkung auf die Kellertechnik von Winzern derzeit nicht hergestellt wird. Es geht bei veganem Wein aber um den möglichen, nicht den dogmatischen Verzicht auf Tiere. Aus dieser Sicht erscheint die Begrenzung auf die Kellertechnik fast schon logisch, weil praktikabel.

Veganer machen von ihrem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch. Wenn der derzeit angebotene vegane Wein für sie mit ihrem Lebensbild vereinbar ist, dann habe ich das als nicht Veganer unter den gemachten Anmerkungen letztlich zu akzeptieren. Veganer Wein stellt sich mir immer mehr als noch lange nicht gescheiterter Versuch dar. Veganen Wein produzierende Winzer haben realitätsnahe Regeln definiert ohne abgehoben zu sein!

Am Ende sehe ich die Gefahr, dass dieser Wein erst gar nicht als Idee wahrgenommen wird, sondern einmal von der Bio-Wein Marketingwelle erfasst, zur unkontrollierten Massenware wird. Auch würde ich eine Reglementierung solcher Weine von offizielle Seite sehr begrüßen, vegane Weine sollten mindestens aus der Bio-Wein Erzeugung nach EU Verordnung stammen , besser noch aus NGO zertifizierten Bio- und Ökoweinbau und auf dem Etikett eine konsumentenfreundliche Deklaration angestrebt werden.

Theo Weinmann, Kellermeister im Familienbetrieb Neumer sagt übrigens,„vegane Weine schmecken einfach klarer, purer und rebsortentypischer.“ Ob sich das subjektiv wahrnehmen lässt, werde ich in der nächsten Zeit an Hand eines Weissburgunders, einem Riesling und einem Spätburgunder aus dem Weingut Neumer testen.

Zu diesem Text gibt es einen zweiten Teil…
 

6 Gedanken zu „Veganer Wein, gibt´s das wirklich?

  1. Man ist der Blog-Post dekadent. Genau das was man sonst Veganern immer vorwirft. Sie haben offenbar eine Meinung ohne die Thematik zu kennen oder sich überhaupt zu fragen warum “die” das eigentlich machen. Kommen Sie aus Ihrem stillen Kämmerlein raus und sagen Sie Hallo zur Welt.

  2. Hallo zusammen,

    super Artikel. Kann hier nur zustimmen! Nimmt man es ganz genau, ist auch an veganen Weinen vielleicht nicht immer alles 100% “rein vegan”. Oft habe ich beispielsweise auch von Leuten gehört, die sich über den Klebstoff, der beim Etikettieren verwendet wird, aufregen und daher veganen Wein insgesamt als “Fantasie” abtun. Dabei geht es für mich hier um viel mehr:
    Und zwar die bewusste Entscheidung. Man zeigt doch mit dem Kauf: “Hey, ich habe die Wahl. Und ich möchte bitte so vegan wie möglich leben. Das gilt auch für den Wein.”
    Generell wird das vegane Leben doch immer populärer und so werden auch Herstellungstechniken nach und nach verbessert. Daher ist es schon einmal ein guter Weg, in die richtige Richtung zu zeigen und somit geeignete Signale zu geben.
    Ganz nebenbei: Mir schmeckt auch veganer Wein super. Normalerweise bestelle ich auf http://www.weinpaket.de (ich glaube, das Weingut Zwölberich kommt sogar aus der Gegend Rheinhessen). Und da passt das alles. Wie gesagt: Bestellen wir ausdrücklich vegane Weine, dann geben wir die richtigen Signale und zeigen die zukünftige laufrichtung an. 🙂
    An alle Skeptiker: Probiert es doch gerne einfach mal aus.

    Viele Grüße,

    Fritz

  3. Präziser Artikel, danke dafür. Beschreibt genau, was ich als Weinliebhaber und pragmatischer Veganer denke und lebe. Wie waren die Weine, und vor allem…welche?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Blue Captcha Image

*