BIO ist angekommen. Da, wo es niemals hinsollte. Heute kaufen wir aus dem Discounter ägyptische BIO Kartoffeln, BIO Zwiebeln aus Polen und BIO Wein aus Argentinien. Natürlich ist das günstig, meist sogar günstiger als der ganz gewöhnliche Dreck vom Bauernhof um die Ecke! Ja, seid´s ihr deppert?

[dropcap1]H[/dropcap1]eute also ein gepflegtes Pamphlet und pure Leidenschaft: Seit die Produzenten von BIO Produkten – auch mit Hilfe von Brüssel – mittlerweile schon die zweite Generation der eigentlichen Generation BIO für dumm verkauft, fragt kaum einer mehr nach. Die entsprechende Industrie hatte grob gepeilt die letzten 20 Jahre genügend Zeit, uns bezüglich ihrer Auffassung von “BIO” zu indoktrinieren und zu trainieren. BIO aus dem Discounter ist genau so auf das Wesentliche reduziert, wie alles andere auch: Den Preis und eine möglichst große Produktionsmenge. Ein verlorener Fantast, wer hier Qualität vermutet?

 

Lange Transportwege werden ignoriert, steht ja BIO drauf, das passt dann schon. Klimabilanz, CO₂-Fußabdruck, was war das noch? Dafür gibt´s ja dann die „Rettet den Dschungel“ oder „Auch Wale haben ein Recht auf Adipositas“ Projekte. Natürlich übertrieben. Aber: Das Gewissen hat einen Marktwert. Wird dies befriedigt – egal von wem – kaufen wir ohne Reue; die Marketingabteilungen der BIO – Konzerne wissen das!
BIO wird von der Industrie im Wesentlichen auf die mechanische Machbarkeit des Produktes reduziert. Ein bloßer Impuls, der den seit Jahren vom System Geschulten zum Kauf animiert. Einen Unterschied schmeckt man eh nicht. Es ist sensorisch einerlei, ob die Kartoffel aus Ägypten oder Deutschland kommt. Schmecken soll sie ja gerade nach möglichst wenig. Dann meckert auch niemand wegen einer eventuellen Eigenart des Gemüses herum. Die Akzeptanz der breiten Masse ist das wesentliche Qualitätskriterium.

Ja, aber wollten nicht wir, also der Konsument, die Qualität bestimmen? Tut er doch, er kauft! Aussehen muss natürlich alles ganz wunderbar und hat die Gurke doch mal die falsche Form, landet sie auf dem Müll. Auf diese Weise entsorgt der Handel täglich 5% an Lebensmitteln (Quelle: BMELV/Universität Stuttgart). Nachhaltigkeitsaktivisten suchen sich die Sachen wieder aus der Tonne raus: Dumpstern nennt man das. Die Verantwortlichen machen sich wegen des Problems natürlich große Gedanken. “Ist das jetzt Diebstahl, oder Hausfriedensbruch?” LOL

Wer bei BIO nur auf das Siegel starrt, aber auf Nachhaltigkeit, Ökologie, letztlich Regionalität sowie Herkunft nicht achtet, wer sich von Pickeln und Narben auf Äpfeln gesundheitlich bedroht fühlt, hat BIO nicht verstanden. Zugegeben, es ist nicht einfach. Auch habe ich nicht die BIO Tiefkühlerbse im Visier: Hinter jedem Begriff verbirgt sich ein Inhalt, der immer unter dem Einfluss seiner Zeit steht. Dauert diese an, erfährt man eine gewisse Dynamik, der Inhalt ändert sich. Somit hat BIO eine Bedeutungsgeschichte. “Fortschritt durch Veränderung” verkommt zur Phrase, denn diesen machen nur die Hersteller, nicht die Konsumenten. Die Bedeutung von “BIO” war in den letzten Dekaden sehr dynamisch und wurde weitestgehend für die Massenproduktion liberalisiert, hier ein sehr aktuelles Beispiel. BIO ist kein Qualitätsversprechen, sondern lediglich das Einhalten des Herstellers von definierten Prozessabläufen, welche letztlich von der EU in Brüssel festgelegt werden. Tatsächlich glauben die Kunden bezüglich BIO Weinen aber das hier. Die regionale Herkunft interessiert schon recht wenige…

freie-assoziationen-mit-öko-wein3Abbildung: http://blog.thinkwine.de/Eigene Darstellung nach Janssen, M., Zander, K., Hamm, U. (2012), Präferenzen und Zahlungsbereitschaft deutscher Verbraucher bei Öko-Wein, S. 35″

Doch neue Töne sind zu hören: In der Gastronomie und im Handel taucht der Begriff „Region“ im Zusammenhang mit Speis und Trank immer öfter auf. BIO´s Saubermann-Image scheint seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Natürlich nur bei denen, die wirklich wissen wollen, was sie da essen und trinken… Das Konsumentenbewusstsein ändert sich, ob es wohl wächst? Der Produzent ist eigentlich das geringste Problem, denn wenn der Kunde zahlt, wird er liefern!

 

Weingut Zehnthof Luckert Sulzfelder Chardonnay 2012 trocken
Wein des Monats Februar 2014

Weingut Zehnthof Luckert Chardonnay weinblog

[dropcap1]H[/dropcap1]erkunft fängt beim Produzenten an. Das Weingut Zehnthof Luckert  pflegt – den technischen Möglichkeiten unserer Zeit weitestgehend trotzend – seinen Ruf als Traditionalist. Nicht nur für Franken ein Aushängeschild des Weinhandwerks, letztlich ein Zugpferd für den gesamten VDP. Chardonnay gibt’s auf dem Weingut Zehnthof Luckert seit 1988. Chardonnay streitet zusammen mit Riesling um den Titel “Königin der Reben”. Gerne flüchte ich da nach vorn und würde für mich persönlich noch Weißburgunder ins Feld führen.
Egal, heute geht es um Chardonnay. Dessen Character übrigens in einem Steckbrief zu fixieren kann nur schief gehen. Kaum eine andere Rebsorte ist derart empfänglich für ihre Behandlung. Die Arbeit des Winzers ist prägend, er erzieht im Wingert und Keller. Bezüglich des heutigen Themas regional und Herkunft kann man mit dieser Rebe auf Entdeckung gehen.
Dass diese Rebe nicht nur französisch spricht, zeigt das Bioweingut und Naturland-Mitglied Zehnthof Luckert unter Ulrich, Wolfgang und Sohn Philipp Luckert. Auf den fränkischen Böden erzeugen sie Weine mit ganz eigenem Charakter. Hier wird Regionalität offensichtlich und schmeckbar: Fränkischer Muschelkalk.

Gelernt haben Ulrich und Wolfgang Luckert das Handwerk einst bei stark technisierten fränkischen Großbetrieben. Ihr Stil ist aber ein gänzlich anderer. Gerade heute, in denen weinfrankens Winzer immer noch massenhaft auf industriebewährte Mittel wie Reinzuchthefen und Kaltvergärung zurückgreifen, viel Primärfrucht im Glas „typisch fränkisch“ sein soll, mag es vielleicht auch gar nicht so schwer sein, aus der Masse herauszustechen. Kein Versuch der Relativierung, sondern vielmehr Verweis auf die traurige Marktrealität!

Die Weine bekommen in Sulzfeld am Main die Zeit auf der Hefe, die sie brauchen. Spontanvergärung. Ausbau im großen Holzfass und am Ende kommt alles unfiltriert auf die Flasche. Viel Arbeit und großer Zeitaufwand. Bis es also einen 13er gibt, wird es noch ein paar Tage dauern. Ganz anders also als bei der großen GWF Frankenwein. Hier gibt es fruchtigen Müller, Silvaner und Co. aus 2013 schon seit Wochen. Bei dem merklichen Mehraufwand im Weinberg ist sowas beim Weingut Luckert auch nicht für jene 3,90€ zu haben, die eben genannte Genossenschaft für ihren Silvaner verlangt.

Die Weine des Zehnthof Luckert wachsen ausschließlich auf kargem Muschelkalk und das ist schmeckbar. Die Luckerts sprechen eben nicht wie so viele nur über Terroir, sie leben es! Sie stehen für  Regionalität und zeigen deren Charakter. Mit bewusstem Understatement wird natürlich auch Marketing gefahren, aber kein Märchen erzählt. Wo sich anderenorts Winzer mit ihren 2o Jahre „alten Reben“ lächerlich machen (und wieder plädiere ich für eine Reglementierung!), können die Luckerts mit dem wohl ältesten Weinberg Frankens aufwarten: Im „Creutz“ steht 144 Jahre alter, wurzelechter  Silvaner aus dem Jahr 1870. Das darf man dann auch auf die Flasche schreiben…

web02Im Creutz, 140 Jahre alte Reben. Foto: Andreas Durst / Weingut Luckert

[dropcap1]N[/dropcap1]ach den VDP Regeln ein VDP.Ortswein; das täglich Brot zum Essen, zum Tatort aber eben auch sonntäglichen Familientreffen in großer Runde. Einer der Einsteiger in das Weingut. Trotz des geringen Alters sofort zugänglich, den Lagenweinen muss man da mehr, bis deutlich mehr Zeit lassen.
In einem gekonnten Dreiklang zeigt der Chardonnay eine ordentliche, wenn auch nicht aufdringliche Frucht, ist urtümlich rassig und feinwürzig, sorgt mit einer markant frischen Säure für wirklichen Fluss am Gaumen. Und dass, obwohl vom Körper her schon etwas dichter und leicht cremiger Textur, die aber zu noch fetteren Weinen führende und bei Chardonnay beliebte Battonage wurde im Keller unterlassen, Aromen von Brioche und Haselnüssen sprechen dafür. Mit 13,5% Alc. völlig rebsortentypisch, zumal nicht auffallend. Wie schon angedeutet versteckt der Chardonnay seine Herkunft nicht. Sehe meinen Bloggerkollegen Thorsten Jordan schon entzückt aufspringen und „Muschelkalk“ ausrufen. Here we go…

Ab Hof für 11€

Übrigens nicht nur Weißweinspezialist: einen wunderbaren Frühburgunder gibt es für *hüstel* ein paar Euro mehr

 

3 Gedanken zu „Regional ist das neue BIO

  1. Hallo Herr Schilling,

    Ihr Text ist nicht ganz präzise: Die Parzelle Creutz ist nach allem, was bisher bekannt ist, die älteste noch bewirtschaftete Silvaner-Parzelle der Welt. Die meines Wissens zweitälteste Silvaner-Parzelle, im Jahre 1900 gesetzt, pflegt das Weingut Werner Emmerich im Seinsheimer Hohenbühl. “Uralte Reben” kostet 12.00 € ab Hof…

    Der älteste noch bewirtschaftete Weinberg Frankens ist aber der 1835 gesetzte “Alte Satz” im Rimbacher Landsknecht. Den sehr empfehlenswerten Wein gibt es für 21.00 € bei Otmar Zang in Sommerach.

    Weinfreundliche Grüße!

    T. Riedl

  2. Richtig. Was bei “Bio” irgendwann völlig übersehen wurde, war die Nachhaltigkeit. Was letztlich doch erstaunlich ist, da man genau diese doch wohl auch alks wesentlichen Bestandteil von “Bio” erachten würde. Weit gefehlt:
    Bio Kartoffeln aus Ägypten, Bio Cabernet aus Chile und das ganze zu Preisen, bei denen jeder nach kurzer Rechnung weiß, was für die eigentliche Produktion abzügich Verpackung, Transport, Lohn, usw. ausgegeben wurde. Eine direkte Ableitung auf die Qualität des gekauften.

  3. Das stimmt leider. Der BIO Stempel ist inzwischen fast schon auf zu vielen Dingen drauf, wodurch das Vertrauen in das Logo meiner Meinung nach etwas gelitten hat. Heutzutage ist alles BIO. Doch der kleine Zusatz “regional” besagt hingegen: Es wurde in der eigenen Region produziert/hergestellt, es mussten keine langen Transportwege zurückgelegt werden, etc. Hierdurch kommen weitere Anforderungen hinzu, die erfüllt werden müssen, um das gute Image zu behalten.

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