von Alex. Schilling weinwunder deutschland gereifter wein

Vor weinigen Tagen erst befasste sich Stuart Pigott in seiner Weinsendung „Weinwunder Deutschland“ mit dem Thema “Gereifter Wein”, bzw. dem Lagerpotential von Weinen. Mir gefiel die Sendung sehr gut, zumal Pigott in der Vergangenheit an verschiedenen Stellen mokierte, dass wir Deutschen Wein zu oft aufheben, auf DEN Moment warten um dann nur enttäuscht zu werden. Damit hat er auch grundsätzlich Recht, denn nicht jeder Wein ist von Haus aus lagerfähig.

Flaschenlager bei Jakob-Sebastian, Ahr
Flaschenlager bei Jakob-Sebastian, Ahr


Gerne greife ich als Trittbrettfahrer das Thema auf, um heute an zwei ganz verschiedenen Weinen einmal eine subjektive Wahrnehmung von Alterung vorzunehmen. Es zeigt sich, dass der Begriff Alterung auch relativ verstanden werden kann. Denn wie viel Zeit ein Wein braucht um zu reifen, oder eben wie wenig, zeigen die beiden Beispiele aus dem Jahr 2003 und 2010. Gleich vorweg, bei beiden Weinen ist das gelungen, keiner ist „drüber“ oder auch nur annähernd „edelfirn“… weinwunder deutschland gereifter wein
Beide Jahrgänge sind der Fachwelt nicht wirklich als lagerfähig in Erinnerung geblieben, 2009 war hier schon viel eher prädestiniert. Auch haben die beiden Weine diesbezüglich gänzlich andere Ansprüche seitens ihrer Erzeuger. Als mir Harald Hexamer vom Weingut Hexamer (alle Artikel hier) beim letzten Besuch eine 03er Riesling Spätlese vom Meddersheimer Rheingrafenberg mitgab, lächelte er nur verschmitzt: „der fängt jetzt erst an…“. Andi Schneider vom Weingut K.H. Schneider (alle Artikel hier) zeigte sich am Telefon hingegen erstaunt und erfreut zugleich, dass der trockene, normale 10er Gutsriesling solch eine Entwicklung gemacht hat. Leider hat er von dem Tropfen nichts mehr!

Wein verändert sich in der Flasche, so oder so!
Die Lagerfähigkeit von Weinen wird mehr oder weniger von allen Beteiligten, Konsumenten wie Händlern, aber auch der schreibenden Zunft mit dem Blick in die Kristallkugel betrieben. Der Konsument sitzt mit großen Augen auf der anderen Seite und glaubt es gern… Selbst bekannte Weinportale wie Wein-Plus lagen meiner Erfahrung nach schon mehrmals sowas von daneben, sagten einen Wein schon längst tot, obwohl dieser, um Harald Hexamer nochmal zu zitieren „gerade erst anfängt“. weinwunder deutschland gereifter wein
Man muss dem aber zu Gute halten, wer bisher nur „jung, frisch, Supermarkt“ getrunken hat, wird allein die Farbe eines 20 Jahre alten Weißweines befremdlich finden. Reife ist, genau wie das ganze Thema Wein der subjektiven Wahrnehmung geschuldet. „Was der Bauer nicht kennt…“ muss er erst kennen lernen 😉
Ich selbst habe während meiner Zeit im konventionellen Weinhandel diesbezüglich Prognosen ins dunkelblaue abgegeben, einfach nur, um Kunden zu beeindrucken. So mancher Rothschild oder Antinori ging nur deshalb über den Tisch! Asche über mein Haupt! Der Handel weiß oft selbst keine Kriterien zu nennen. Es gilt der perfide Dreisatz, je höher die Parkerpunkte und der Preis, desto älter werden die Weine.
Mein Eindruck ist mittlerweile, je schneller ein Wein hergestellt wird, desto schneller geht er auch kaputt. Langsame Gärung vs. temperaturgesteuerte Gärung; Stahltank vs. Holzfass, Reinzucht vs. Spontangärung?
Auch nicht eindeutig: Weingüter wie v. Racknitz, die entgegen der Angaben im Gault Millau wirklich nur mit Stahltanks arbeiten, erzeugen in diesen wunderbar lagerfähige Weine! Rebsorte, Boden und Inhaltsstoffe wie deren Mengenverhältnisse zueinander sind weitere, wesentliche Faktoren.

Faktoren gibt es also viele. Wenn ich also hier im Blog Aussagen treffe, können diese immer nur meiner Erfahrung und meinem Geschmack untergeordnet sein; „bis 2017“ oder ähnliches poste ich aber schon lange nicht mehr.

derWeinblog
man beachte den Schraubverschluss bei Hexamer

Verkostungsnotiz #1: einwunder deutschland gereifter wein
Den 03er Meddersheimer Rheingrafenberg hatten wir anlässlich des Geburtstages meiner holden Göttergattin aufgerissen und damit nur ganz kurze Augenblicke verbracht. Denn, der Weinfreak hat gleich gemerkt: Toller Stoff, der muss auf den Blog und vor den Gästen gerettet werden. weinwunder deutschland gereifter wein

Nachdem ich mir also ein gutes Schlückchen aufgehoben habe, kommt der Wein nach einer Woche an der Luft noch mehr zur Geltung! Im Glas goldgelb ohne irgendwelche Einschläge ins grüne oder gar bräunliche. Volles Bukett kandierter Orangen, Mirabellen mit reifem Weinbergspfirsich. Gar buttrige Noten, aber auch enorme Frische verdeutlichen einmal mehr, dass Spätlesen nicht nur spät gelesen werden, sondern auch spät(er) getrunken werden sollten. Barocker Körper, das Ding hat richtig Zucker, liegt gefühlt bei etwa 100g/l. Voller Saftigkeit und gehauchter Mineralik mit hintergründiger, aber dennoch beteiligter Säure ist das hier ein „geiles Stöffsche“ (Harald Hexamer) der, auch wenn man damit ja vorsichtig sein soll, noch Jahre liegen könnte.
Dafür wurde er auch gemacht, Harald Hexamer betont das auch immer wieder im Gespräch, dass dieser Wein nach Möglichkeit erst mal im Keller verschwinden sollte. Aktuell ist der 09er im Verkauf, den 03er rückt Harald immer seltener raus „hab ich ja nur noch eine Palette von…“. Recht hat er, auch wenn´s für den Rest der Welt schade ist. weinwunder deutschland gereifter wein
Verkostungsnotiz #2:under deutschland gereifter wein
Ein ganz anderer Wein hingegen ist der trockene 10er Gutsriesling von Andi Schneider. Nie dafür vorgesehen auch nur einen Sommer zu überleben. Einer der Weine, die Stuart Pigott mittlerweile zum zweiten Mal und zu Recht zu seinem Wein des Monats (12er April 13, 11er April 12) gekührt hat. Hatte den Wein selbst recht jung probiert. Anfang 2011 (März) zeigt sich Schneiders Riesling noch leicht hefebetont, viele gelbe Früchte mit etwas Paprika und auch schon einen leichten Hang zum Kräutergarten. Vor allem aber eine richtige Gesteinsbombe mit fast schon mundwinkelverziehender, knackiger Säure. Eigentlich bleib nur durch Zufall eine Flasche etwas länger bei mir liegen.
Im Glas ebenfalls schon recht gereift, was mich zuerst zu der fälschlichen Annahme verleitete „ui, der is drüwer“… Heute ist der Kräutergarten weiter ausgebaut, erstaunliches wie Estragon aber auch Thymian, die Säure deutlich weniger spitz definiert. Der Wein zeigt im Bukett immer noch gelbe Äpfel, jede Menge Pfirsich und mittlerweile ebenfalls kandierte Orangen, die bei der ersten Verkostung definitiv nicht da waren! Die Paprika ist verschwunden. Spürbar hoher Extraktwert – sprich volles Mundgefühl – sorgen für eine enorme Länge am Gaumen, nach wie vor ist dieser Riesling deutlich mineralisch. Wenn es wirtschaftlich gesehen nicht so völlig abwegig wäre, würde ich mir den Rat anmaßen, diesen Wein erst jetzt in den Verkauf zu geben… weinwunder deutschland gereifter wein weinwunder deutschland gereifter wein

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2 Gedanken zu „Gereifter Wein – ein „kleiner Feldversuch“

  1. “Spürbar hoher Extraktwert – sprich volles Mundgefühl – sorgen für eine enorme Länge am Gaumen, nach wie vor ist dieser Riesling deutlich mineralisch.”

    Der Extraktwert lässt sich mit Sicherheit nicht nicht vom Mundgefühl ableiten, und auch für die Länge ist er nicht direkt verantwortlich. In heißen Jahren sind die Extraktwerte typischerweise niedrig, mir wäre es aber völlig neu, dass es den Weinen deswegen an Länge fehlen soll.

    1. Hallo Werner!

      Der Extraktwert ist für mich die Summe aller Fesstoffe in einem Wein. Wird dieser verdampft, bleiben Zucker, verschiedene Säuren, Gerbstoffe, Farbstoffe und unter anderem auch Mineralien übrig. Es ist offenkundig, dass man Feststoffe im Wein spüren kann, z.B. Tannine. Sogar deren „Qualität“ wie samtig, weich, kantig usw. ist beschreibbar. Da diese Feststoffe verschiedene Eigenschaften haben, ist z.B. Glycerin von Tanninen unterscheidbar. Nach dieser Annahme leite ich ab, dass über die Extrakte auch letzlich Wahrnehmungen wie das Mundgefühl, oder genauere Attribute wie cremig, saftig oder auch nachklingend (also wirklich eine Menge Fesstoffe auf der Zunge liegen bleibt, rote Zunge…) gemacht werden können.

      Was wären denn von den Extrakten abgesehen noch weitere Faktoren für die Länge?

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